Elia
Elia Braunert aus Neukölln kündigt nach 8 Jahren Studium und 3 Jahren im Berufsleben ihren Job und macht ihren Herzenstraum wahr – sie wird spirituelle Heilerin.
„Diese Vorstellung, die Welt zu verbessern, das war immer da“, sagt Elia entschlossen. Wenn sie von ihren Motiven und Visionen spricht, wirkt sie zentriert, ihre Stimme ist fest und ihr Blick konzentriert und offen. Doch das war nicht immer so. Auf dem Weg ihren Herzenswunsch in die Welt zu bringen, musste die ehemalige Projektmanagerin einige Veränderungen anstoßen. Heute managt sie nicht die Projekte anderer, sondern nur noch ihre eigenen.
"Ich wollte die Welt verändern"
„Ich wollte die Welt verändern“, antwortet Elia auf die Frage, warum sie Ökonomie studiert hat. Dabei lacht sie ein bisschen und schaut mich mit ruhigen Augen an. Im zweiten Semester allerdings bereits wird Elia von dieser Illusion befreit. Ihr wird klar, dass sie in ihrem Studium der VWL kaum etwas darüber erfahren wird, wie man in der Welt etwas verändern könnte.
Anstatt dessen lernt sie eher, wie man den Status quo erhält. Oder dass man mit Entwicklungshilfe Gewinne generiert. Und dass die Menschen in den Formeln als Faktor gar nicht vorkommen. „Mir wurde schnell klar, dass es überhaupt gar kein Ziel von dem ganzen System ist, Menschen nachzuzüchten, die irgendwas verändern sollen“, sagt sie, immer noch ein bisschen verwundert. Doch während ihrem Studium leidet sie sehr darunter. Des Öfteren gerät sie in Diskussionen mit ihren Kommilitonen. Während Elia über sauberes Trinkwasser und saubere Luft zum Atmen nachdenkt, wollen die meisten ihrer Studienkollegen einfach nur ins Bankwesen. „Ich war desillusioniert“, räumt sie ein, „ich wusste nicht mehr, warum ich VWL überhaupt studiere.“
Erweiterte Wahrnehmung
Da die Konflikte im Außen mit den Kommilitonen nicht zu lösen sind, beginnt sie immer mehr nach innen zu schauen und ihre Probleme auf eine andere Art und Weise zu betrachten. „Wenn ich etwas 1 zu 1 nicht lösen kann,“ sagt sie, „dann schaue ich nach Innen und suche, was dieser Konflikt mit mir zu tun hat“.
Schon seit ihrer Kindheit folgt Elia intuitiv eher dem spirituellen als dem materialistischen Ansatz. Dort entdeckt sie auch ihre besonderen Fähigkeiten zum ersten Mal. Wenn sie auf Feldern, im Wald und auf Wiesen spielt, nimmt sie Energien wahr und fühlt, dass da noch mehr existiert, als das grob fassbare. Sie verrückt Möbel und folgt Eingebungen aus Neugier und zum Spaß. Heute sieht sie die kindlichen Spiele als eine ihrer ersten spirituellen Schulungen an.
Doch ihre Fähigkeiten haben in ihrem Leben als Studentin noch wenig Platz. Dass sie Energiekörper wahrnehmen und in der Ahnenlinie eines Menschen zurückreisen kann, um energetische Blockaden aufzulösen, erzählt sie damals noch niemandem. Anstatt dessen beschäftigt sie sich mit alternativen ökonomischen Ansätzen und sucht sich ihre Wege und Nischen im Wirtschaftsstudium. Am Ende ihres Bachelors hat sie eine Vorlesung beim Dekan. Sie fasst sich ein Herz, spricht ihn an uns sagt kurzum:“ Ich muss Ihnen sagen, dass ich mit unserem Lehrplan nicht zufrieden bin. Wir lernen überhaupt nichts, um kreativ mitgestalten zu können.“
Elias innovative Ausrichtung scheint dem Dekan zu gefallen. Er bietet Elia an, ihre Bachelorarbeit zu betreuen, selbst noch, als sie an seine Tür klopft um ihm „zu verklickern, dass ich gegen den neoliberalen Kapitalismus bin“, witzelt sie humorvoll. Sie schreibt darüber, wie man neue wirtschaftliche Ansätze und Theorien in den Pflichtlehrgang integrieren könnte, interviewt die SPD-Politikerin Gesine Schwan dazu, fühlt sich beflügelt.
Doch die Euphorie über ein erfolgreich abgeschlossenes Bachelorstudium hält nicht allzu lange an. Wie so viele andere auch, stellt sie sich die große Frage: Und was jetzt?
Aus Hoffnung, im Master mehr Freiheiten zu haben, macht sie weiter. Sie gräbt sich tiefer in die Thematiken, beschäftigt sich mit alternativen Wirtschaftsansätzen aus Lateinamerika und schaut dabei auch auf Cuba, zu ihren Wurzeln. Sie geht ihren Weg weiter, ohne groß nachzufragen. “Ich hab´ an diesem Punkt einfach schon zu viel gegeben“, erinnert sie sich zurück. Und noch bevor sie die Korrektur ihrer Masterarbeit zurückbekommt, klopft auch schon das Arbeitsleben an ihre Tür.
Auf der Suche nach Veränderung
Elia wird Projektassistentin der Global Solutions Initiative. Eine Konferenz, die internationale Wirtschaftsgrößen und Experten zusammenbringt, um Lösungsvorschläge für globale Herausforderungen zu entwickeln. „Damit hatten sie mich natürlich“, lacht Elia. Die Tatsache, dass anfangs die Bezahlung nicht angemessen und sie eigentlich überqualifiziert ist, stellt sie hinter ihren Überzeugungen an.
Sie steigt voll in den Berufsalltag ein und verschreibt sich mit Haut und Haaren ihrer Arbeit. Sie macht Überstunden, ist gewissenhaft und steigt bald zur Assistenz der Verlagsleitung auf. Und wie bei jedem Projekt, welches in der Entwicklung steckt, sei auch bei der Konferenz anfangs noch ´Luft nach oben´ gewesen, erzählt die 35-jährige. Die Gästeliste war zwar mit hochrangigen Namen und Nobelpreisträgern besetzt worden, aber „so richtig wollten auch die keine Veränderung“, bemerkt Elia. Dies habe sich allerdings im Laufe der Jahre geändert. Heute werden zunehmend junge, diverse Menschen in die Konferenz eingebunden.
Unzufriedenheit als Motor
Während sich die Konferenz von Jahr zu Jahr weiterentwickelt, andere Fragen und Gäste zulässt, fühlt sich Elia eher hin und her gerissen anstatt angekommen. Der Arbeitsalltag und die Überstunden verlangen ihr viel ab. Sie entwickelt Burnout-Symptome wie Kopfschmerzen und depressive Verstimmungen. Doch Elia nutzt ihre Unzufriedenheit als Motor um immer wieder Gehalt und Positionen zu verhandeln. Aber wirklich gut geht es ihr nicht. „Es war permanenter Stress, es war grenzwertig, ich habe mich nicht gut und nicht richtig gefühlt“, sagt sie halblächelnd mit einem langsamen Kopfschütteln. Trotzdem sei sie sehr dankbar für ihre Zeit beim Tagesspiegel. Nicht die Unternehmen seien das Problem, sagt sie. Es ist das System und wie sie dazu stehe. Ihre Erfahrung im alltäglichen Hamsterrad habe es erst möglich gemacht zu verstehen, dass ihre Erfüllung wo anders liegt. Und weil Elia schwierige Situationen als Chance versteht, beschreibt sie auch den Moment ihres Austritts als etwas absolut positives: „In dem Moment, als ich die Kündigung geschrieben habe, fühlte ich so eine Entlastung, so eine Befreiung. Und da wusste ich, es gibt keinen Weg mehr zurück“.
Kein Plan B
Als Elia kündigt, hat sie keinen Plan B. Sie hat nur einen Traum. „Meine Vision von mir selbst und meine Berufung, das war immer da. Wenn ich die Augen schließe, dann kann ich das Bild sofort sehen“, verrät sie mir. Doch Elia fühlt sich unsicher. Bisher hatte sie mit ihren Fähigkeiten zwar schon im Freundes- und Bekanntenkreis regelmäßig Sessions gegeben, doch wie sollte sie davon leben können? Von ihren Freunden jedenfalls bekommt sie positive Bestätigung und moralische Unterstützung. Als sie eine Woche später auf einem Heilerkongress Julie Sundara kennenlernt, versteht sie aller Zweifel zum Trotz etwas Essentielles für ihren weiteren Lebensweg: Es ist die Angst sich zu zeigen, die uns Menschen davon abhält, endlich zu dem zu werden, was wir immer schon waren. Das einmal verstanden, wächst Elia auch hier schnell über sich hinaus: „Ich habe es einfach jedem erzählt“, strahlt sie.
Wie Innen so auch Außen
Neben ihrem inneren Wandlungsprozess kommen auch die Dinge im Außen ins Rollen. Elia erhält ein Stipendium und absolviert eine Heiler-Ausbildung. Außerdem besucht sie Frauen-Gründer-Zentren, wie etwa die Akelei e.V. Dort besucht sie Gründerkurse, bewirbt sich in Förderprogrammen und erhält Coachings. Eine Zeit lang beschäftigt sie sich nur mit Themen wie „Realisierbarkeit des Projekts“, „Pitching“ und „Zielgruppen“. Ihr Unternehmen Elia heals entsteht.
„Da musste ich mich dann wirklich zeigen“, erzählt sie. „Jeden Tag habe ich vor einer Gruppe und mit meinen Coaches über meinen Herzenstraum gesprochen“. Auch wenn es anfangs schwerfällt, ihr Mut zahlt sich aus. Denn bevor Elia ihre Kurse beenden kann, stehen bereits die ersten Kunden vor ihrer Türe. Businesspläne, Online-Marketing und Unternehmerinnenpersönlichkeit – dies sei alles hilfreiches und wertvolles Wissen, konstatiert sie. Der wichtigste Entwicklungsschritt bei den Programmen sei allerdings der gewesen, ihrer Vision Raum zu geben, sagt sie.
"Die Klienten kamen wie aus dem Nichts"
Während es anfangs noch zwei bis drei Kunden die Woche waren, ist Elia heute permanent ausgebucht. „Die Klienten kamen wie aus dem Nichts“, sagt sie und gestikuliert dabei fassungslos mit den Händen. Jede Woche melden sich neue Menschen bei ihr. Eine Webseite habe sie zwar noch nicht. Aber die stehe ganz oben auf ihrer to-do Liste, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu.
Elia hat heute mehr Freizeit und mehr Geld als jemals zuvor in ihrem Leben.
Doch neben Geld und Freizeit, hat sie vor allem eines: Sie hat ihre Zweifel in Zuversicht transformiert: „Alles, worauf ich meine Energie aufwende wird wachsen. Und wenn ich endlich meinem Herzensprojekt Raum gebe und dort meine Energie reinstecke, dann kommt auch etwas dabei raus. Das ist wie ein mal eins rechnen. Wir bekommen das nur nicht beigebracht“, lächelt sie.