Marcel 

 Teil 1

„Ich war schon immer so ´ne Art Samariter gewesen“, scherzt Marcel G. humorvoll und winkt dabei ironisch mit den Händen ab. Marcels Lachen ist ansteckend. Während er sein Leben Revue passieren lässt, begegnet er sich selbst vor allem mit Heiterkeit. Offenes Gesicht, lebhafte Stimme, schelmisches Grinsen – Marcels sprudelndes Wesen springt auf den ersten Blick ins Auge. Doch hinter der humorvollen Leichtigkeit des 34-Jährigen kommt noch etwas ganz anderes zum Vorschein: Marcel strahlt Ruhe aus. Die Art von Ruhe, die von Menschen ausgeht, die sich im Laufe ihres Lebens Prüfungen stellen mussten – und die sie auch gemeistert haben. 

2006. Marcel lernt, dass der Tod zum Leben dazugehört. „Zu Oma konnte man immer gehen“, sagt er und blickt aus dem Fenster. Er zögert etwas, gräbt in seinen Erinnerungen. „Auch wenn man mit der Zeit vieles vergisst - sie war ein herzensguter Mensch“, erinnert er sich zurück. Vom Zeitpunkt ihres Todes bis zur Beerdigung weiß er wenig – nur, dass er im Schockzustand wie wild durch sein Dorf rast. „Auf einmal ist dann da nur noch ein Grabstein, der dich anlächelt, aber der Mensch - der ist nicht mehr da“. 

2013 dann erlebt Marcel den nächsten Verlust, sein Opa geht aus dem Leben. Marcels Augen leuchten auf, wenn er über ihn spricht. Sein Großvater – der war Alleskönner, Multitasker und – genau wie Marcel auch – immer für einen Scherz zu haben. „Wieder wird dir jemand, der dich dein Leben lang begleitet hat, aus dem Leben genommen. Das waren Momente, wo ich wirklich zu kämpfen hatte“, sagt Marcel dann plötzlich ganz ernst. Bei der Frage, was ihm in diesen Momenten Kraft gab, hält er inne. Er hat keine Angst vor einem kurzen Moment der Stille. Dann antwortet er nüchtern: „Ich glaube ich mir selbst, ich habe mir selbst Kraft gegeben.“ Und schon zeichnet sich wieder ein Lächeln auf seinen Lippen ab.

Teil 2

 Marcel wächst zusammen mit seinen vier Geschwistern in einem Mehrgenerationenhaushalt in Brandenburg auf. 2008 hat er genug vom Landleben. Ihn zieht es nach Berlin, auch wegen einer Herzensangelegenheit. Als er seinen Partner kennenlernt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Irgendwie passt auch das zu Marcel: Er wirkt wie jemand, der Nägel mit Köpfen macht. „Ich wusste im ersten Moment, mit ihm könnte es funktionieren, und so war es dann auch“, schmunzelt er. Heute - 13 Jahre später - ist Marcels Lieblingsmoment immer noch der, nach einem langen Tag zu seinem Partner nach Hause zu kommen. Auf die Frage, was das Geheimnis einer glücklichen Partnerschaft sei, entgegnet er schlicht: „Ich glaube, es gibt kein Geheimnis. Das muss einfach funktionieren.“ 

An Berlin gefällt ihm anfangs schlichtweg alles. “Alles aufregend, alles groß, alles riesig und schnell.“ Aber das Landleben wollte er trotzdem nicht ganz loslassen – und zieht kurzum dahin, wo er beides findet. In Grünau kann er wochenends im Wald spazieren, veranstaltet Grillpartys mit der Nachbarschaft und genießt es, dass nicht jeder „sein eigenes Süppchen kocht.“ Er hat sich das Land sozusagen in die Stadt geholt. Marcels Antworten wirken klar, beinahe versiert. Sie zeugen von jemandem, der weiß, woher er kommt – und auch, wohin er möchte. 


Teil 3

 Dass Schicksalsschläge zum Leben dazu gehören, damit hat Marcel seinen Frieden gemacht – so zumindest scheint es. „Damit muss man immer wieder rechnen, das Leben ist irgendwann endlich“, sagt er - und ich bekomme Gänsehaut. Seine innige Beziehung zu den Großeltern und ihr Tod – aber sicher auch sein hilfsbereites Naturell - haben seinen Weg zum Job in der Pflege geebnet. „Wenn jemand Hilfe braucht – ich kann da nicht weggucken“, zuckt er mit den Schultern. Seit 2018 nun ist Marcel schon bei den Johannitern – und man spürt, dass er gerne über seine Arbeit spricht. Seine positive Grundeinstellung findet auch hier Ausdruck: Wenn ein Bewohner stirbt, sagt er, habe man ganz schön zu kämpfen. „Aber ich freue mich dann, dass ich bei ihm sein konnte, auf seinem letzten Weg“. 

Marcel trägt sein Herz auf der Zunge: Er erzählt die großen und kleinen Geschichten seines Lebens greifbar, die Situationen und Menschen sehr präsent. Vor allem sind es die Menschen, die ihm wichtig sind. Immer wieder tauchen kleine Anekdoten aus dem Berufsalltag in seinen Erzählungen auf. Zum Beispiel, wie er es schafft, an Demenz erkrankte Bewohner von ihrem Schicksal abzulenken und warum er bei einem Lächeln von ihnen weiß, dass er richtig dort ist. Grenzen in seiner Arbeit kenne er eigentlich keine – nur bei „Erbrochenem“ lacht er, „da bin ich raus“. Hört man Marcel so zu, liegt es nahe, dass er nicht nur den Humor von seinem Opa geerbt hat – das Herzensgute von seiner Oma, das sieht man auch.

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Foto: (c) Christian Schneider / www.haltdieklappe.com