Ramia
Teil 1
Als ich 2015 mit meiner Familie nach Deutschland kam, konnte ich zwar kein Wort Deutsch sprechen – aber einer meiner ersten Gedanken war: Was werde ich hier arbeiten? Ich bin kein Mensch, der die ganze Zeit zuhause bleiben kann.
Als ich meinen Deutschkurs beendete, hatte ich schon eine erste Idee: Ich mache eine Ausbildung zur Erzieherin. Im Praktikum hatte mir die Arbeit mit den Kindern gut gefallen – auch wenn ich auf eine ganz bestimmte Sache nicht vorbereitet war: Kinder können manchmal echte Besserwisser sein. Mein Deutsch war ja am Anfang noch nicht so toll – und wenn ich etwas falsch ausgesprochen habe, gab es von den Kindern kein Erbarmen. Das hat mich anfangs verunsichert – die Kinder brauchen ja jemanden, der sehr gut Deutsch kann, um die Sprache von Anfang an richtig zu lernen.
Dass ich dann trotz meinem Plan, Erzieherin zu werden, bei den Johannitern gelandet bin, war ein wahrlich glücklicher Zufall. Gerade als ich meine Bewerbung als Erzieherin abgegeben hatte, habe ich einen Flyer im Flur der Schule gesehen: Altenpflegerin gesucht. Da hat es sofort Klick gemacht. Schon seit der neunten Klasse wollte ich eigentlich in die Alten- und Krankenpflege. Aber meine Familie in Syrien war damals damit nicht einverstanden. Ich bin auf dem Absatz umgedreht und habe zuhause meine Bewerbung geändert. Im Sekretariat hatte ich darum gebeten, meine Bewerbung als Erzieherin zurückzuziehen – und diese Entscheidung habe ich seit Tag Eins nicht bereut.
Wenn ich jetzt etwas falsch ausspreche, werde ich von Bewohnerinnen und Bewohnern korrigiert. Das war für mich wirklich eine super Übung. Und sie selbst haben auch etwas davon: Durch meine gelegentlichen Sprachfehler wird ihr Gedächtnis trainiert. Eine richtige Win-Win-Situation.
Teil 2
In meiner Heimat Syrien habe ich als Beamtin gearbeitet. Bei uns ist das Arbeitsleben ganz anders – das geht bei den Arbeitszeiten los und hört beim Miteinander unter Kollegen auf. Als Beamtin unterliegt die Arbeit in Syrien meistens keiner konkreten Aufsicht – und das Verhältnis zu Arbeitskollegen gestaltet sich auch sehr freundschaftlich. Das hatte für mich sowohl Vor- als auch Nachteile.
Hier in Deutschland ist mir zum Beispiel gleich aufgefallen, dass das Feedback generell sehr viel ehrlicher ausfällt. Bei den Schichtübergaben auf unserem Wohnbereich wird stets das Gute sowie das Schlechte angesprochen. Das ist ganz anders in Syrien: Da gab es zwar viele Komplimente und positives Feedback, aber das ist nicht immer unbedingt ehrlich. Hier hingegen habe ich die Möglichkeit, aus meinen Fehlern zu lernen und mich zu verbessern – das ist für mich ein großer Gewinn.
Am Anfang habe ich sehr darunter gelitten, unser Land, unser Haus und meine Arbeit zu verlassen. Wir sind damals mit der großen Welle in Deutschland angekommen. Den ersten Tag hier in Deutschland werde ich nie vergessen. Ich habe viel geweint. So viele Menschen sind zum Bahnhof gekommen, um uns zu helfen. Aber auf meinem Herzen war ein großer Druck. Ich wollte nicht, dass alle sehen, wie ich weine. Und in meinem Kopf waren viele Fragen. Was werden wir hier machen? Und wie kann ich mit den Menschen in diesem Land kommunizieren? Diesen ersten Tag vergesse ich nie wieder.
Das Komische ist: Nur am ersten Tag hatte ich dieses Fremdheitsgefühl – danach war es wie durch einen Zauber aufgelöst, es war einfach verschwunden. Seitdem habe ich nie wieder geweint. Ich bin sehr zufrieden hier in Deutschland.
Teil 3
Mein ganzes Leben habe ich nur gearbeitet. Ich bin noch nie in den Urlaub gefahren – nie so richtig, jedenfalls. Wenn ich freie Tage habe, fahre ich zu meiner Familie nach Bayern – aber in einem Hotel mit Pool und allem Drum und Dran war ich noch nie. Bis es soweit ist, genieße ich die Ruhe in meinem Garten. Der ist wie eine kleine Oase für mich. Ob es regnet oder die Sonne scheint: Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, sitze ich hier zwischen Blumen, Minze, Petersilie und unserem Quittenbaum und trinke erstmal einen Kaffee. Auch Tomaten, Gurken und Weinblätter pflanzt mein Mann an – so haben wir sogar einen Hauch unserer Heimat Syrien in unserem deutschen Garten.
Unser Garten ist für mich ein Ort der Ruhe, des Friedens und der Stärke. Normalerweise bin ich sehr tatendurstig – irgendwie immer in Bewegung. Das war schon immer so. Bereits mit 20 bin ich umhergeflogen wie eine Biene. Ich bin früh Mutter geworden, hatte in jungen Jahren schon viel Verantwortung und bin immer gern in die Arbeit gegangen.
Heute denke ich manchmal: Die Zeit verging so schnell - ich habe meine jungen Jahre nicht bewusst genug genossen. Deshalb schalte ich heute absichtlich von Zeit zu Zeit einen Gang runter. Wenn ich in meinem Garten bin, sitze ich einfach im Grünen und genieße den Augenblick.
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Foto: (c) Christian Schneider / haltdieklappe.com