roksana

 
Teil 1 

Ständig auf der Reise sein – 12 Jahre lang ist für Roksana das die Realität. Alle zwei Monate packt sie ihren Koffer und verabschiedet sich von ihrem Mann und ihren Kindern, um in Deutschland Senioren zu betreuen – dann geht es wieder zurück zu ihrer Familie nach Polen. Das ständige Hin und Her ist für jemanden, der so energisch wie sie ist, vielleicht nicht ganz so belastend - ein Spagat bleibt es für die zweifache Mutter trotzdem: „Die Dame, um die ich mich gekümmert habe - sie war wie meine zweite Familie. Aber mir war auch klar, dass ich das nach 12 Jahren auf Dauer nicht mehr machen kann“. 
Deshalb trifft sie 2016 die Entscheidung, gemeinsam mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann nach Deutschland umzuziehen. Und wenn sie heute an einem normalen Arbeitstag durch die Gänge des Johanniterhauses Weschnitztal saust, weiß sie, ihre Entscheidung hat sich ausgezahlt - die meisten Bewohner lachen nämlich schon, wenn sie die enthusiastische Frau auf dem Gang entdecken. „Die wissen schon, was passiert, wenn ich sie erwische“, meint Roksana schmunzelnd und spielt damit auf ihre Vorliebe an, Bewohner auch körperlich zu aktivieren. Und selbst wenn es mal hektisch zugeht – diese kleinen Momente lässt sich Roksana nicht nehmen: „Natürlich fehlt manchmal die Zeit dazu. Aber ich finde immer einen Weg, um meine Bewohner auf Trab zu halten“. 
Dass es diesen leichtfällt, sich von ihr mitreißen zu lassen, kann man sich gut vorstellen. In Roksana steckt nämlich dieser positive Funke, der einen gleich in seinen Bann zieht - und den sie auch dann nicht verliert, wenn mal alles zu viel wird: „Das man manchmal überfordert ist, gehört doch zu jeder Arbeit dazu“, erklärt sie und meint noch weiter: „Aber ewig über Probleme zu lamentieren, das bringt doch nichts. Man muss es einfach mit Humor nehmen und lachen – dann klappt es auch“. 
 
Teil 2 

Humor und harte Arbeit liegen Roksana im Blut. Man merkt ihr an, dass sie sowohl auf Probleme als auch auf andere Herausforderungen des Lebens ohne zu zögern hinzugeht, anstatt davor wegzulaufen – eine Mentalität, die sie bereits in frühester Kindheit an ihrer Oma und ihrem Opa miterlebt. „Ich habe von klein auf gesehen, wie schwer meine Großeltern gearbeitet haben“, erzählt Roskana und berichtet lebhaft, wie sie damals gemeinsam Gurken, Tomaten und Salate im eigenen Gewächshaus ziehen und die Ware dann auf den Märkten verkaufen. „Trotz der schweren Arbeit haben wir immer viel gelacht. Wir waren viel unterwegs und mein Opa war immer für einen Spaß zu haben – so bin ich groß geworden“, erinnert sie sich lebendig. 
Bereits die kleine Roksana mag diesen Trubel – und noch mehr liebt sie es, unter Leuten zu sein. „Auch heute noch muss ich ständig Leute um mich haben – und ich muss kommunizieren. Ich will meine Gefühle rauslassen, denn wenn wir alles in uns reinfressen, dann macht uns der Stein auf unserem Herzen wirklich krank“. 
Vielleicht kommt es auch daher, dass Roksana so ein Mensch ist, dem man sich direkt anvertrauen will: Weil sie offen und ehrlich darüber redet, was sie bewegt – und weil sie gelernt hat, dass Kommunikation weit über Worte hinausgeht. Denn dass ein Stein auf unserem Herzen uns wirklich krank machen kann, erfährt sie vor einigen Jahren aus nächster Nähe als ihre beste Freundin an Depressionen erkrankt. Roksana spürt intuitiv, dass Gespräche ihrer Freundin gerade nicht weiterhelfen - aber „mit dem Herzen bei ihr zu sein und einfach neben ihr zu sitzen“, hilft ihrer Freundin Sylvia damals mehr als tausend Worte. 
 
Teil 3 

„Wenn ich male, dann sind alle Gedanken und Probleme hinter mir“. Immer dann, wenn sich Roksana ganz auf die Farben konzentriert und in ihre Welt abtaucht, kommt sie bei sich selbst an. „Ich bin eine sehr energische Frau, ich bin immer unterwegs. Aber wenn ich male, dann komme ich zur Ruhe“, erzählt sie zufrieden. Ihre Liebe zur Malerei zeigt sich schon früh – zum Beispiel, wenn sie als Kind zum Entzücken ihrer Mutter ganze Wände ihres Kinderzimmers bemalt oder ihre Schulhefte zum Zeichnen anstatt zum Schreiben benutzt. Aber so richtig gelernt hatte sie das bis zu einem Kurs, den sie 2016 in Deutschland besucht, eigentlich nie. 
Trotzdem ist da dieser Wunsch und diese fixe Idee, die Roksana über Jahre nicht loslassen will: „Ich wusste überhaupt nicht, wie ich das anfangen soll mit dem Malen, aber im Kopf hatte ich immer nur eines: Ich werde ein Bild malen“. Und dies soll Roksana auch verwirklichen – heute malt sie, wenn die Zeit es zulässt, sehr intensiv. Blumen, Bäume, Personen und Gesichter – Roksana vergisst dabei dann die Zeit um sich herum. 
Und die Malerei bringt noch etwas anderes in Roksanas Leben: Denn zum ersten Mal tut sie etwas nur für sich. Das ist Neuland – denn der sonst so hilfsbereiten Roksana fällt es Zeit ihres Lebens eher schwer, Grenzen zu setzen. „Nein sagen, das konnte ich nicht. Aber dann wurde das für die Leute auf einmal ganz normal: Die kleine Roksana, die kommt und hilft. Und das war dann manchmal ein bisschen zu viel für mich“, erinnert sie sich zurück. 
Die Malerei aber gibt ihr Kraft –Schritt für Schritt schafft sie es, etwas mehr an sich zu denken. „Der Gedanke, mein Bild zu Ende zu bringen war für mich der erste Impuls in meinem Leben, dass ich zu anderen auch Nein sagen konnte. Und manchmal bedeutet ein Nein zu anderen nichts anderes als ein Ja zu sich selbst“. 


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Foto: (c) Christian Schneider / haltdieklappe.com